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<BODY BODY BGCOLOR="#FFFFFF" TEXT="#000000">

<img src="jacobstitle.jpeg" border=0 alt="Jane Jacobs zum Thema St&auml;dte">

<table width="100%">
<tr><td width="10px"></td>
<td>

<p>&nbsp;

<p><i>Ideen von Jane Jacobs, unautorisierte Erkl&auml;rung und Kommentar <a href="jacobs.html">auf Englisch</a> von <b>Mark Rosenfelder</b>, &uuml;bersetzt von <b>Raphael Landeck</b></i>. 

<hr>


<p>Ein Kommentar, den ich vor kurzer Zeit im Internet geschrieben habe, erw&auml;hnte Gro&szlig;st&auml;dte, was zu einer weit ausgedehnten Diskussion &uuml;ber st&auml;dtische und l&auml;ndliche Gegenden auf meinem Forum f&uuml;hrte, und mich zu der Erkenntnis brachte, dass <i>nicht gen&uuml;gend Leute </i><b><i>Jane Jacobs</b></i><i> gelesen haben</i>.

<p><img src="illo/predjane.gif" align=right alt="Jane Jacobs" title="Jane Jacobs">

Viele haben es; ihr <i>The Death and Life of Great American Cities</i> (1961), (<i>Tod und Leben gro&szlig;er amerikanischer St&auml;dte</i>, anscheinend vergriffen), ein Lob auf st&auml;dtische Nachbarschaften und eine Warnung, das sie von den Gro&szlig;planern der Stadterneuerung zerst&ouml;rt wurden, hat sich in vierzig Jahren von einem Ikonoklasmus zu einem Teil vieler Lehrpl&auml;ne entwickelt. 

<p>Aber noch besser sind die weniger oft gelesenen <i>The Economy of Cities </i>(1970) und <i>Cities and the Wealth of Nations </i>(1984) (anscheinend keine deutsche &Uuml;bersetzung), zwei B&auml;nde, die zusammen nicht weniger tun, als die ganze Makro&ouml;konomie einzurei&szlig;en und wieder neu aufzubauen. Sie erkl&auml;rt, dass die Volkswirtschaftslehre mit dem Werk in die falsche Richtung ging, auf das einer ihrer Titel anspielt, Adam Smiths <i>The Wealth of Nations</i>. (Manchmal als <i>Wohlstand der Nationen</i>, manchmal als <i>Reichtum der Nationen</i> und manchmal als <i>Reichtum der V&ouml;lker</i> &uuml;bersetzt.) Nationen sind nicht die angemessene Gr&ouml;&szlig;eneinheit der makro&ouml;konomischen Analyse; Gro&szlig;st&auml;dte sind es. (Anmerkung des &Uuml;bersetzers: Im Deutschen kann man diesen Schwerpunkt auf der Untersuchung der Wirtschaft ganzer L&auml;nder (der nach Jacobs' Ideen falsch ist) schon an dem Wort <i><b>Volks</b></i><i>wirtschaftslehre</i> selbst erkennen.)

<p>Jacobs kommt zu diesem Schluss, indem sie &uuml;ber die <b>"Stagflation"</b> der 1970er Jahre nachdenkt-- gleichzeitige hohe Arbeitslosigkeit und eine hohe Verteuerungsrate, etwas, das weder nach traditionellen linksgerichteten (keynesianischen) noch nach traditionellen rechtsgerichteten (monetaristischen) volkswirtschaftlichen Theorien h&auml;tte m&ouml;glich sein sollen. Theoretisch gesehen h&auml;tte, wenn eins dieser beiden Dinge hoch war, das andere niedrig sein sollen.  Sie weist darauf hin, dass dieser Zustand-- hohe Preise und nicht genug Arbeit-- in r&uuml;ckst&auml;ndigen Regionen ganz normal ist; westliche Volkswirtschaftler glaubten f&auml;lschlicherweise, dass das manchmal unterbrochene aber insgesamt dauerhafte Wirtschaftswachstum seit Smiths Zeiten der Normalzustand w&auml;re. 

<p>Das Denken im Rahmen der Wirtschaft von Staaten verwischt die wirtschaftlichen Tatsachen. Sobald wir diese Sichtweise aufgeben, k&ouml;nnen wir erkennen, dass die Welt nicht aus entwickelten und armen L&auml;ndern, sondern aus entwickelten und armen <i>Regionen</i> besteht. Und es ist tats&auml;chlich einer der gro&szlig;en Vorteile dieser Sicht, dass wir die r&uuml;ckst&auml;ndigen Regionen in der ersten Welt bemerken, und entdecken, dass sie der gleichen Dynamik folgen, wie die dritte Welt. Heutzutage geht es ihnen vielleicht wirtschaftlich einigerma&szlig;en gut, weil sie Transferzahlungen aus reicheren Regionen bekommen, aber sie sind wirtschaftlich trotzdem passiv. 

<p>Und die dynamischen Regionen liegen um <b>Gro&szlig;st&auml;dte</b> herum. (Die einzige scheinbare Ausnahme: Versorgungsregionen, das hei&szlig;t, Regionen, die reich an Rohstoffen sind. Wir kommen sp&auml;ter auf sie zur&uuml;ck; jetzt wollen wir erstmal nur feststellen, dass diese Regionen reich sind, weil Gro&szlig;st&auml;dte die Rohstoffe haben wollen und Leute von dort kommen, um sie zu holen. Die Araber mussten nicht &uuml;ber die Weltmeere fahren, um Leute aufzutreiben, denen sie ihr &Ouml;l verkaufen konnten.) 

<h2>St&auml;dte und Landwirtschaft</h2>

Aber entwickeln Gro&szlig;st&auml;dte sich nicht aus der <b>Landwirtschaft</b> und h&auml;ngen dann weiter von ihr ab? Nein: Jacobs sagt uns, dass jeder wirtschaftliche Fortschritt seinen Ursprung in Gro&szlig;st&auml;dten hat; und sie sagt dazu noch frech, dass jeder <i>landwirtschaftliche</i> Fortschritt seinen Ursprung in Gro&szlig;st&auml;dten hat. Gro&szlig;e Neuentwicklungen, wie Erntemaschinen und Elektrizit&auml;t, wurden in Gro&szlig;st&auml;dten selbst oder in ihrer N&auml;he erfunden und eingef&uuml;hrt, bevor sie in weiter entlegenen l&auml;ndlichen Regionen &uuml;bernommen wurden. Produktivit&auml;tssteigerungen in der Landwirtschaft beginnen immer in der N&auml;he der Gro&szlig;st&auml;dte und breiten sich dann weiter aus. 

<p><img src="illo/jacobstock.jpg" align=left alt="Viehmastgro&szlig;betriebe in Chicago, 1947" title="Viehmastgro&szlig;betriebe in Chicago, 1947">

Vieles, was wir als rein l&auml;ndliche Besch&auml;ftigungen ansehen, begann in den St&auml;dten. Im vormodernen Europa war das Weben die am weitesten verbreitete Heimarbeit auf dem Land; aber bevor Stoff auf dem Land gewoben wurde, war diese Kunst in St&auml;dten wiederentdeckt und ausge&uuml;bt worden. Die Bauern des fr&uuml;hen Mittelalters lebten von Getreidebrei; die Kunst des Brotbackens wurde zuerst in St&auml;dten wiederbelebt (und zwar mit Brot, das aus der Stadt selbst kam; eine mittelalterliche Stadt hatte ihre eigenen Felder). In unseren eigenen l&auml;ndlichen Gegenden gibt es gro&szlig;e Ranchen, in denen Vieh vor der Schlachtung gem&auml;stet wird; das sind Auslagerungen der st&auml;dtischen Viehmastgro&szlig;betriebe in Kansas City und Chicago. 

<p>Einen weiteren Nagel treibt Jacobs in die Idee der spontanen Entstehung von St&auml;dten aus der Landwirtschaft, indem sie die Unf&auml;higkeit Irlands beschreibt, nach der verheerenden Hungersnot der 1840er Jahre wieder auf die Beine zu kommen:

<blockquote>Es gab keine H&auml;fen, um Hilfslieferungen von Essen zu empfangen... Es gab keine M&uuml;hlen, um Hilfslieferungen von Getreide zu mahlen. Es gab keine Handwerker oder Werkzeuge und Ausr&uuml;stung, um M&uuml;hlen zu bauen. Es gab keine &Ouml;fen, um Brot zu backen. Es gab keine Wege, Wissen dar&uuml;ber zu verbreiten, wie andere Nutzpflanzen als Kartoffeln angebaut wurden. Es gab keine Methode, um die Samen anderer Nutzpflanzen zu verteilen, und auch keine, um die landwirtschaftlichen Werkzeuge zur Verf&uuml;gung zu stellen, die f&uuml;r einen Wechsel der Anbaupflanzen unbedingt n&ouml;tig gewesen w&auml;ren...

<p>Sicher, die Iren waren in diese Lage gekommen, weil sie mit eisernem Griff in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unterwerfung gehalten wurden. Aber der Kern dieser Unterwerfung-- und der Grund, weshalb sie so effektiv war und die Iren so hilflos gemacht hatte-- war gerade die systematische Unterdr&uuml;ckung der st&auml;dtischen Industrie; im Prinzip genau die gleiche Unterdr&uuml;ckung, von der die Engl&auml;nder erfolglos versucht hatten, sie bei der entstehenden Industrie in den noch kleinen St&auml;dten der amerikanischen Kolonien anzuwenden. 
</blockquote>

<p>N&auml;her an der Heimat (aus amerikanischer Sicht) gibt es einen Bericht von einem gewissen Henry Grady, der 1880 &uuml;ber ein Begr&auml;bnis spricht, das ein paar Jahre vorher im Bezirk Pickens in Georgia stattfand. 

<blockquote>
Das Grab wurde durch soliden Marmor gegraben, aber der Marmorgrabstein kam aus Vermont. Es lag in einem Pinienhain, aber der Piniensarg kam aus Cincinnati. Ein Berg voller Eisenerz &uuml;berschattete es, aber die Sargn&auml;gel, die Schrauben und das Schaufelblatt kamen aus Pittsburgh. Mit jeder Menge festem Holz und Metall in der Umgebung wurde der Leichnam auf einem Karren aus South Bend, Indiana, zum Grab gefahren. In der N&auml;he wuchs ein Geh&ouml;lz aus Hickoryb&auml;umen, aber die Griffe der Pickel und Schaufeln kamen aus New York. Das Baumwollhemd, das der Tote trug, kam aus Cincinnati, der Mantel und die Hose kamen aus Chicago, die Schuhe aus Boston; die gefalteten H&auml;nde waren in wei&szlig;e Handschuhe aus New York geh&uuml;llt... Dieses Land, das so reich an noch nicht erschlossenen Rohstoffen war, trug nichts zum Begr&auml;bnis bei au&szlig;er dem Leichnam und dem Loch im Boden, und h&auml;tte wahrscheinlich diese beiden auch importiert, wenn das m&ouml;glich gewesen w&auml;re. 
</blockquote>

<p>Grady beschreibt eloquent die Lage in einer passiven Wirtschaftsregion: Trotz all ihrer Ressourcen <i>stellt sie nichts her</i>. 


<h2>Das Ersetzen von Importen</h2>

Der n&auml;chste Schritt, den Grady nicht geht, w&auml;re es, zu bedenken, dass keiner der genannten Importe aus Atlanta kam, das achtzig Meilen entfernt lag. Nicht alle Gro&szlig;st&auml;dte sind dynamische Wirtschaftseinheiten; das Atlanta des Jahres 1880 war genauso passiv und unproduktiv wie sein l&auml;ndliches Hinterland.  

<p><img src="illo/jacobbike.jpg" align="right" alt="Japanischer Radfahrer" title="Japanischer Radfahrer" >

Der fehlende Vorgang-- der Antrieb, den Jacobs f&uuml;r das gesamte Wirtschaftsleben findet-- ist das <b>Ersetzen von Importen</b>. Sie illustriert das mit den ersten Anf&auml;ngen der Industrie in Japan. Vom sp&auml;ten neunzehnten Jahrhundert an importierte Japan Fahrr&auml;der. In Tokio entstanden Fahrradwerkst&auml;tten, die zuerst kaputte Fahrr&auml;der ausschlachteten, um an Ersatzteile zu kommen. Als es genug von diesen Werkst&auml;tten gab, fingen einige kleine Betriebe an, ein paar der am h&auml;ufigsten verwendeten Teile selbst herzustellen. Immer mehr Teile wurden hergestellt, bis Tokio schlie&szlig;lich eigene Fahrr&auml;der herstellen und in andere japanische St&auml;dte exportieren konnte-- wo dadurch wiederum dieser ganze Vorgang ausgel&ouml;st wurde. 

<p>Dieser Vorgang schafft nicht nur Arbeit, er schafft <b>Fachkenntnisse</b> und <b>Innovationen</b>: St&auml;dte lernen, wie man Probleme auf neue Arten l&ouml;st, und &uuml;bertragen die Erfahrung, eine Sache auf einer anderen aufzubauen. Und der Vorgang schafft <b>Wohlstand</b>: Durch den Ersatz von Importen wird die Stadt reicher, da sie jetzt nicht nur immer noch hat, was sie vorher importiert hatte (im Beispiel die Fahrr&auml;der), sondern sich auch neue, teurere Importe leisten kann. 

<p>Das ist die Art, wie jede entwickelte Nation angefangen hat-- in Europa, in Amerika, in den jungen Wirtschaften Asiens; es gibt keinen anderen Weg.   

<p>Eine dynamische Gro&szlig;stadt verwandelt ihr Hinterland in etwas, das Jacobs eine <b>Stadtregion</b> nennt. Sie betont, dass dies die einzigen Regionen sind, in denen Entwicklung ausgeglichen abl&auml;uft. Arbeit auf den Bauernh&ouml;fen der Umgebung wird durch in der Stadt entwickelte Produktivit&auml;tssteigerungen revolutioniert; das setzt Arbeitskraft f&uuml;r Fabriken und andere aus der Stadt ausgelagerte Arbeit frei; und f&uuml;r Verbesserungen der Infrastruktur steht Kapital zur Verf&uuml;gung.

<p>Eine funktionierende Stadtregion braucht keine Entwicklungsexperten; sie entwickelt sich selbst. Amerika ist eine Nation, die ungew&ouml;hnlich reich mit Stadtregionen gesegnet ist-- aber es ist bei weitem nicht ganz mit ihnen bedeckt. Zum Beispiel f&auml;llt der s&uuml;dliche Rand von New Hampshire in die Stadtregion von Boston-- eine Tatsache, die die Politiker und Beamten von New Hampshire ver&auml;rgert, da es ihnen nat&uuml;rlich lieber w&auml;re, wenn die Entwicklung gleichm&auml;&szlig;ig &uuml;ber den Staat verteilt w&auml;re. Aber die Stadtregion weigert sich einfach, so weit zu reichen.


<h2>Unausgeglichene Regionen</h2>

Gro&szlig;st&auml;dte l&ouml;sen f&uuml;nf Kr&auml;fte aus, die ihre Umgebung, oder die Welt im allgemeinen, ver&auml;ndern: Ihr Bedarf an <i>Rohstoffen</i>; ihr Vorrat an <i>Arbeitspl&auml;tzen</i>; ihre <i>Produktivit&auml;tssteigerungen</i>; <i>Auslagerungen</i> von st&auml;dtischer Arbeit; und <i>Investitionskapital</i>. 

<p>Es ist vielleicht Jacobs' produktivste Erkenntnis, dass diese Kr&auml;fte nur in Gro&szlig;st&auml;dten und Stadtregionen im Gleichgewicht wirken. Au&szlig;erhalb davon wirken sie jede f&uuml;r sich, und meistens auf zerst&ouml;rerische Art. Eine nach der anderen: <ul>

<li> Eine <b>Versorgungsregion</b> ist eine Quelle von Rohstoffen. (Wobei hier unter Rohstoffen auch die Produkte einer spezialisierten Landwirtschaft verstanden werden; Anmerkung des &Uuml;bersetzers).  Wir stellen uns Rohstoffe f&uuml;r gew&ouml;hnlich als Reicht&uuml;mer vor, aber es w&auml;re passender, zu sagen, dass die G&ouml;tter, wenn sie eine Region verfluchen wollen, sie reich an Rohstoffen machen. 
 
<p><img src="illo/jacobopera.jpg" align=left alt="Opernhaus von Manaus, Brasilien" title="Opernhaus von Manaus, Brasilien">

Versorgungsregionen k&ouml;nnen sagenhaft reich werden. Rohstoffe sorgten f&uuml;r den Kautschukboom des Amazonasgebiets zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, machten Uruguay Jahrzehnte sp&auml;ter zur selbsternannten Schweiz S&uuml;damerikas, und liefern Saudi-Arabien heute seine Milliarden. Die Probleme tauchen auf, wenn die Rohstoffe woanders hinziehen (wie das dem Amazonasgebiet passierte), oder weniger wichtig werden (wie zum Beispiel, als Kunststoffe die Nachfrage nach uruguayischem Leder verringerten), oder ausgehen (was das &Ouml;l irgendwann tun wird). 

<p> Eine Stadtregion ist Ver&auml;nderungen gewohnt und erneuert sich st&auml;ndig; bei einer Versorgungsregion ist das nicht so. Sie behandelt ihre Rohstoffe als ein Geschenk Gottes, eine anscheinend ewig sprudelnde Quelle; sie bereitet sich nur halbherzig auf das Ende des Booms vor, und wenn es kommt, wird sie kalt erwischt. Schon jetzt muss Saudi-Arabien, dessen Bev&ouml;lkerung sich in ein paar Generationen verdreifacht hat, als ein armes und nicht als ein reiches Land gez&auml;hlt werden, und die richtige Krise hat dort noch nicht einmal angefangen. 

<p> Und es sollte betont werden, dass diese F&auml;lle noch die gl&uuml;cklicheren sind, in denen die Einheimischen von den Rohstoffen profitieren konnten. Die Aymara, die das Pech hatten, in der N&auml;he von Potos&iacute; zu leben, hatten nichts von ihren Silbervorkommen; sie wurden zu Sklaven der Spanier. Das alte &Auml;gypten schaffte es nie, aus seinem Getreidereichtum Macht oder wirtschaftliche Entwicklung zu gewinnen; es wurde nur zum Brotkorb der Griechen und sp&auml;ter der R&ouml;mer. 

<p> Die Entwicklung von St&auml;dten wird oft einer guten <b>Lage</b> zugeschrieben; aber mit einer guten Lage kann man trotzdem unbedeutend bleiben. Sollte man nicht zum Beispiel erwarten, dass die M&uuml;ndung des gr&ouml;&szlig;ten Flusses Neuenglands zum Zentrum seines Handels werden w&uuml;rde? Aber aus Old Saybrook wurde nie viel; es war Boston, dass zu einer Gro&szlig;stadt wurde. 

<p> (Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: <b>Gro&szlig;st&auml;dte k&ouml;nnen sich in Versorgungsregionen entwickeln</b>. Es scheint aber die Regel zu sein, dass die Wahrscheinlichkeit dazu in den am g&uuml;nstigsten gelegenen Regionen am geringsten ist. Es war der Norden der USA, nicht der reiche landwirtschaftliche S&uuml;den, der seine Industrie entwickelte. Japan ist bemerkenswert rohstoffarm; England ist keinesfalls eine Schatzkammer. Die erste europ&auml;ische Stadt, die sich vom allgemeinen Niedergang des fr&uuml;hen Mittelalters erholte, Venedig, lag in einem Sumpf.)<p>

<li> Gro&szlig;st&auml;dte schaffen <b>Arbeitspl&auml;tze</b>, und ziehen damit viele Menschen aus l&auml;ndlichen Gegenden zu sich. Als Beispiel nennt Jabocs die Kleinstadt Naziparo in Mexiko, deren einzige Einkommensquelle das Geld ist, das von Mexikanern, die in Los Angeles arbeiten, nach Hause zur&uuml;ckgeschickt wird. Es ist klug angelegt worden-- das Leben ist f&uuml;r die, die in der kleinen Stadt bleiben, ziemlich angenehm-- aber alle Versuche, die &ouml;rtliche Wirtschaft aufzubauen, sind gescheitert. Die Arbeiter haben dar&uuml;ber nachgedacht, in Naziparo ihre eigene Fabrik zu gr&uuml;nden, aber es ist zu weit von Lieferanten und Kunden entfernt. 
 
<p>Und das ist der bestm&ouml;gliche Fall. Das &uuml;bliche Schicksal von Regionen, die Arbeitspl&auml;tze verlieren, ist es, dass immer mehr Leute wegziehen, in einer Generation nach der anderen. Das Leben bleibt f&uuml;r die, die bleiben, das gleiche-- oder es verschlimmert sich; alle ziehen weg, und die Siedlung wird zu einer Geisterstadt. <p>

<li> <b>Produktivit&auml;tssteigerungen</b>, die in der Stadt und der Stadtregion so hilfreich sind, sind in l&auml;ndlichen Regionen eine Katastrophe. Wenn durch eine Verbesserung ein Mann die Arbeit von sechs machen kann, dann sind die restlichen f&uuml;nf "&uuml;ber"-- das hei&szlig;t, arbeitslos und wahrscheinlich nicht zu besch&auml;ftigen.   
 
<p><img src="illo/jacobclear.jpg" align="right" alt="Shiaba, ein Dorf, das f&uuml;r Schafe ger&auml;umt wurde" title="Shiaba, ein Dorf, das f&uuml;r Schafe ger&auml;umt wurde" >

Zum Beispiel wurde in den 1790er Jahren eine neugez&uuml;chtete Schafsrasse im schottischen Hochland eingef&uuml;hrt, die die winzigen einheimischen Schafe ersetzte. Diese Schafe bl&uuml;hten und gediehen dort, aber um Weiden f&uuml;r sie bereitzustellen, wurden die &ouml;rtlichen Bauern vom Land entfernt-- das hei&szlig;t, mit Feuer und Bajonetten vertrieben. Viele verhungerten; andere zogen in die schottischen Gro&szlig;st&auml;dte-- wo es keine Arbeit f&uuml;r sie gab; einige wurden von ihren <i>Lairds</i> (adlige Grundbesitzer in Schottland) in die Leibeigenschaft verkauft. Diejenigen, die Gl&uuml;ck hatten, wanderten aus. 

<p> Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelte Indien eine Spinnmaschine, die von einem Fahrradrad angetrieben wird und mit der ein Dorfbewohner die Arbeit eines Dutzends machen kann. Es war unm&ouml;glich, diese Maschine zu verbreiten, da es keine M&ouml;glichkeit gibt, die Hunderten von Millionen von Dorfbewohnern aufzufangen, deren Lebensunterhalt sie zerst&ouml;ren w&uuml;rde. 

<p> Solche Verbesserungen funktionieren nur in der Stadtregion gut, wo die eingesparte Arbeitskraft zu anderen Arbeiten wechseln kann. <p>

<li> Eine fortgeschrittene Stadt kann ihre Arbeit <b>auslagern</b>: Ihre Fabriken sind unabh&auml;ngig genug, um nicht mehr vom verwobenen Netzwerk von Lieferanten in der Gro&szlig;stadt abzuh&auml;ngen, so dass sie an jeden beliebigen Ort auf der Welt verlegt werden k&ouml;nnen. Seit Jahrzehnten haben arme Regionen mit aller Kraft versucht, diese Auslagerungen zu sich zu holen, da sie Arbeitspl&auml;tze schaffen. (Wenn nicht schon seit Jahrhunderten: Zar Peter der Gro&szlig;e hoffte, Russland im wesentlichen durch Auslagerungen zu entwickeln.) 

<p>Aber gerade wegen der Fast-Unabh&auml;ngigkeit der Auslagerungen schaffen sie keine Entwicklung. Fabriken (oder jeder beliebige Arbeitsprozess, der ausgelagert werden kann) sind nicht die Ursache wirtschaftlicher Entwicklung; sie sind eine Sp&auml;tfolge. 

<p><img src="illo/jacobpeter.jpg" align="left" alt="Der Palast Peters des Gro&szlig;en- von einem Italiener entworfen" title="Der Palast Peters des Gro&szlig;en- von einem Italiener entworfen" >

Jacobs bietet eine erbauliche Parabel an. 1975 unterzeichnete der Schah des Iran einen Vertrag, um in Isfahan eine gewaltige Hubschrauberfabrik zu bauen. Der Hauptlieferant war die Firma Textron, die eine Au&szlig;enstelle in Euless, Texas, gr&uuml;ndete, um sich um die Entwicklung des Hubschraubers selbst zu k&uuml;mmern. Mit dem Fabrikbau wurde die Jones Construction Co. aus Charlotte, North Carolina, beauftragt. 

<p> Jones delegierte den elektrischen Teil der Fabrik an die Howard P. Foley Co. in Washington DC; Foley besch&auml;ftigte sechs Elektrogro&szlig;h&auml;ndler, darunter S-Tran Products aus Alexandria, Louisiana, wo man wiederum den Auftrag f&uuml;r die Schaltanlage an General Electric vergab, wo sich Betriebe in Texas, North Carolina, Illinois und Iowa um die Sache k&uuml;mmerten. Den Auftrag f&uuml;r die Klimaanlage und die Wasserleitungen vergab Jones an die Sam P. Wallace Co. in Dallas, Texas, deren Netz von Sub-Subunternehmern 150 Firmen umspannte. 

<p> Der Schah dachte, dass er Entwicklung kaufte und den Iran zu einer fortgeschrittenen Nation machte. Aber alles, was er gekauft hatte, war eine Fabrik, wenn auch eine gewaltige. Was er gebraucht h&auml;tte, um wirklich entwickelt zu <b>sein</b>, war etwas, dass er nicht kaufen konnte: Das Netz aus <b>Tausenden</b> von Unternehmen, die zusammen die USA &uuml;berhaupt erst in die Lage versetzten, diese Fabrik zu bauen. 

<p> (Am Ende bekam er nicht mal seine Fabrik-- er wurde gest&uuml;rzt, als sie erst zu einem Drittel fertig war.) <p>

<li> Und schlie&szlig;lich erzeugt eine Gro&szlig;stadt enorme Mengen an ausstr&ouml;menden (staatlichem und privaten) <b>Investitionskapital</b>, dass &uuml;berall auf der Welt eingesetzt werden kann. Aber Kapital allein macht eine Region nicht produktiv, aus Gr&uuml;nden, die inzwischen bekannt sein sollten: Es schafft kein Netz aus vielf&auml;ltigen, miteinander verbundenen kreativen Anbietern. 

<p>Als Beispiel erz&auml;hlt Jacobs die Geschichte der Tennessee Valley Authority (TVA, Tennesseetal-Beh&ouml;rde)- ein massives Projekt, mit dem eine der r&uuml;ckst&auml;ndigsten Regionen des Landes entwickelt werden sollte. Sein Herzst&uuml;ck waren Staud&auml;mme zur Elektrizit&auml;tserzeugung, die einen wichtigen Wirtschaftsfaktor zur Verf&uuml;gung stellten: Billige und im &uuml;berfluss vorhandene elektrische Energie, die Fabriken, in denen viel Energie gebraucht wurde, anzog. 

<p> Es funktionierte, in dem Sinn, dass Fabriken eingef&uuml;hrt, Arbeitspl&auml;tze geschaffen und der l&auml;ndliche Lebensstandard verbessert wurde. Aber auf einer grundlegenderen Ebene scheiterte es, da keine dynamische, import-ersetzende Stadtregion entstand. In den 1970er Jahren waren nach vierzig Jahren intensiver Hilfe Teile der Region immer noch verzweifelt arm. Als 1976 in dem Teil der TVA-Zone, der zu Alabama geh&ouml;rt, eine neue Fabrik er&ouml;ffnet wurde, bewarben sich 40.000 Menschen um die 1400 zur Verf&uuml;gung stehenden Arbeitspl&auml;tze. Inzwischen waren der TVA die Fl&uuml;sse ausgegangen, an denen sie noch D&auml;mme bauen konnte; ihre Antwort bestand darin, erst (mit im Tagebau abgebauter Kohle befeuerte) Kohlekraftwerke zu bauen-- die den Kostenvorsprung der Region verringerten-- und dann Atomkraftwerke-- die diesen Vorsprung eliminierten.
</ul>

<p>Es gibt auch Regionen, an denen das Stadtleben <b>vollkommen vorbeigegangen ist</b>-- Gegenden, in denen hart gearbeitet wird, die aber von Selbstversorgungslandwirtschaft leben und deren Bewohner dabei langsam F&auml;higkeiten verlieren, die sie einmal hatten. Jacobs erw&auml;hnt eine Siedlung, in die ihre Tante als Missionarin geschickt worden war. Die Tante wollte eine Kirche aus den gro&szlig;en Steinen bauen, die man im Flussbett finden konnte; aber die Einheimischen erkl&auml;rten geduldig, dass das unm&ouml;glich war. Wie jeder wusste, konnte Zement nur kleine Steine halten; und auch diese konnten nur f&uuml;r kleine Strukturen, wie etwa Kamine, benutzt werden-- bestimmt nicht f&uuml;r eine ganze Mauer. Das war nicht in der dritten Welt; es war im North Carolina der 1930er Jahre, und diese Leute waren Nachfahren von Menschen mit einer langen Tradition der Steinbaukunst. 

<p>(Eine kleine Schlussfolgerung: Wenn wir von Menschen h&ouml;ren, die auf einem extrem primitiven Niveau der materiellen G&uuml;ter und F&auml;higkeiten leben, wie zum Beispiel den tasmanischen Ureinwohnern, dann haben wir es h&ouml;chstwahrscheinlich nicht mit der urspr&uuml;nglichen Lebensweise der Menschheit zu tun, sondern mit einem Volk, das auf ein tieferes Niveau gesunken ist, als es urspr&uuml;nglich hatte.) 


<h2>Wie man seine Gro&szlig;st&auml;dte erstickt</h2>

Die Idee, dass Wirtschaften zu L&auml;ndern und nicht zu St&auml;dten geh&ouml;ren, ist nicht einfach eine intellektuelle Verwirrung; sie behindert die wirtschaftliche Entwicklung-- das hei&szlig;t, die Stadtentwicklung.

<p>Eine Art, auf die sie das tut, ist durch landesweite <b>W&auml;hrungen</b>. Der Wert einer W&auml;hrung ist ein R&uuml;ckkopplungsmechanismus. Wenn eine W&auml;hrung anf&auml;ngt, an Wert zu verlieren, dann wirkt das als ein automatischer, vor&uuml;bergehender, genau eingestellter Zoll: Importe werden teurer, Exporte leichter. Das sollte dann den Ersatz von Importen und die Entwicklung neuer Exporte motivieren. 

<p><img src="illo/jacobmoney.jpg" align="right" alt="Ein-Shilling-Schein des Staates Massachusetts, 1776" title="Ein-Shilling-Schein des Staates Massachusetts, 1776" >

Und das tat es auch, als jede gr&ouml;&szlig;ere Stadt ihre eigene W&auml;hrung hatte, wie das fast bis zum Beginn des Industriezeitalters der Fall war. Aber landesweite W&auml;hrungen zeigen eine verschwommene Mischung der Wirtschaft aller Gro&szlig;st&auml;dte des Landes an. Das ist besonders schlecht f&uuml;r eine in einer Wirtschaftskrise steckende Stadt in einem Land, das gerade einen Wirtschaftsboom erlebt, da sie genau die falschen Impulse bekommt. Eine starke W&auml;hrung erm&ouml;glicht billige Importe, so dass die Stadt in der Krise weniger motiviert ist, sie zu ersetzen, und gleichzeitig werden die Exporte dieser Stadt geschw&auml;cht.

<p>Falsche R&uuml;ckmeldungen k&ouml;nnen manchmal durch ausdr&uuml;ckliche <b>Z&ouml;lle</b> ausgeglichen werden. Ein Beispiel daf&uuml;r war die Fr&uuml;hzeit der Vereinigten Staaten, deren Exporte damals &uuml;berwiegend landwirtschaftlich waren. Die Impulse, die das Land aus dem Stand seiner W&auml;hrung bekam, sagten ihm im wesentlichen, nach Belieben zu importieren, und das erstickte die st&auml;dtische Industrie. Von 1816 an erhob die Bundesregierung Z&ouml;lle, um industrielle Hersteller zu bevorzugen. Das funktionierte: Die Gro&szlig;st&auml;dte konnten jetzt im Wettbewerb mit den verteuerten Importen mithalten und fingen an, sie mit ihrer eigenen Produktion zu ersetzen. 

<p>(Das einzige Problem war, dass der S&uuml;den starke Exporte und keine nennenswerte Industrie hatte. Die Z&ouml;lle f&uuml;hrten im S&uuml;den zu nichts als Aufregung, und waren einer der Streitpunkte, die zu seiner Abspaltung f&uuml;hrten.)

<p>Als Japan sich industriealisierte, hatte es auch Z&ouml;lle; man muss sich fragen, warum "Freihandel" zu einem Dogma geworden ist, das allen L&auml;ndern aufgezwungen werden soll. Die Antwort ist aber klar: Das wird nicht so gemacht, weil es Entwicklung f&ouml;rdert-- im Gegenteil. Es hilft L&auml;ndern, die schon starke Exportwirtschaften haben. 

<p>Dar&uuml;ber hinaus beschreibt Jacobs, was sie als "Killer st&auml;dtischer Wirtschaften" beschreibt, oder neutraler, <b>Transaktionen des Niedergangs</b>. Diese sind: <ul>

<li> Langanhaltene <b>R&uuml;stung</b>. Viele Leute denken an die deutschen und amerikanischen Erfahrungen auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg und glauben, dass gro&szlig;angelegte Kriegsvorbereitungen die Wirtschaft stimulieren. Und das tun sie auch, solange sie zeitlich begrenzt bleiben. 
 
<p>Das Problem ist, dass langfristige Milit&auml;rausgaben im wesentlichen st&auml;dtischen Wohlstand nehmen und ihn wegwerfen. Das Milit&auml;r nimmt enorme Mengen an Produktion und Kapital auf und gibt (wirtschaftlich gesehen) nichts zur&uuml;ck-- die Produktion wird entweder im Krieg verbraucht, oder an Garnisonen verteilt, die selber nichts produzieren. <p>

<li> Langanhaltene <b>Hilfszahlungen f&uuml;r arme Regionen</b>. Jacobs sieht daran denselben Fehler, den sie auch an der Milit&auml;rproduktion sieht: Das ausgegebene Geld ist steril. Es verbessert vielleicht das Leben der Leute, denen es direkt hilft; aber, wie bei der TVA, f&uuml;hrt es nicht zur Entstehung von neuen St&auml;dten, die Innovationen und Wohlstand schaffen k&ouml;nnen. <p>

<li> Langanhaltener <b>Handel zwischen fortgeschrittenen und r&uuml;ckst&auml;ndigen Gegenden</b>. Wir hatten schon vorher damit zu tun, im Zusammenhang mit ausgelagerten Fabriken oder fehlgeleiteten Kapitalinvestitionen. Problematisch wird das, wenn die Gewinne aus solchen Investitionen in mehr vom Gleichen investiert werden, wie zum Beispiel bei den immer aufgeblaseneren Krediten an arme L&auml;nder. </ul>

Jacobs merkt an, dass solche Transaktionen die Besch&auml;ftigung von Imperien sind. Imperien werden von St&auml;dten aufgebaut; aber irgendwann fangen sie unvermeidlich an, den Wohlstand ihrer St&auml;dte f&uuml;r diese unproduktiven Zwecke einzusetzen, bis es zu Stagnation und Verfall kommt. 

<p>Wir haben weiter oben, als die irische Hungersnot erw&auml;hnt wurde, gelernt, dass <b>Kolonialm&auml;chte</b> gegen&uuml;ber Entwicklung in ihren Imperien aktiv feindselig waren; sie wurde als Konkurrenz angesehen. Obwohl das nicht mehr offene Politik ist, habe ich den Verdacht, dass die Welt immer noch an den Auswirkungen dieser freiwilligen Unterst&uuml;tzung der Stagnation leidet. Arme Nationen gew&ouml;hnten sich nicht an, Importe zu ersetzen, und reichen Nationen geht es immer noch mehr darum, das Monopol f&uuml;r eine bestimmte Industrie zu bekommen und zu behalten, als darum, neue Arten von Arbeit zu entwickeln. 

<p>Gro&szlig;st&auml;dte k&ouml;nnen sich auch selbst ein Bein stellen: <ul>

<li> Sie k&ouml;nnen <b>das Unternehmertum einschr&auml;nken</b>. Die Habenden sperren die Habenichtse gern aus dem Gesch&auml;ftsleben aus, wobei sie anscheinend glauben, dass Wohlstand ein Nullsummenspiel ist; das Ergebnis ist im besten Fall der Verlust von Wachstumsm&ouml;glichkeiten, und im schlimmsten Fall Stagnation und Verfall. 

<p>Zum Beispiel fingen im England des sp&auml;ten Mittelalters und der fr&uuml;hen Neuzeit die meisten St&auml;dte an, ihren Handwerkern zu verbieten, ihre Waren in andere St&auml;dte zu exportieren-- das wurde als Monopol an m&auml;chtige H&auml;ndler gegeben. Aber neues Wachstum entsteht fast immer dadurch, dass Produzenten neue Arbeiten f&uuml;r den Export finden; die englischen St&auml;dte erdrosselten ihre eigene vielversprechende Entwicklung. (London bl&uuml;hte auf, weil es keinen derartigen Schwachsinn hatte.) 

<p> W&auml;hrend des gr&ouml;&szlig;ten Teils unserer eigenen Geschichte wurden schwarze Unternehmen unterdr&uuml;ckt, wann immer sie gegr&uuml;ndet wurden. Manchmal wurden sie einfach verboten, wie zum Beispiel, als Washington D.C. 1835 Schwarzen Ladengenehmigungen verweigerte. Manchmal war es verdeckt: In Rochester im Staat New York versuchten unternehmerische Schwarze um das Jahr 1900 herum, ihr eigenes Hotel zu bauen, und niemand wollte ihnen Grundst&uuml;cke verkaufen. Manchmal war die Repression auf gemeine Art verfeinert: In den 1960er Jahren schrieb New York Auftr&auml;ge f&uuml;r die Renovierung von 37 Geb&auml;uden in Harlem aus; die Bewerbungsvorschriften verlangten, dass sich Firmen nur um die Auftr&auml;ge f&uuml;r alle 37 Geb&auml;ude zusammen bewerben konnten, was praktisch bedeutete, dass alle &ouml;rtlichen schwarzen Firmen ausgeschlossen wurden. <p>

<li> Sie k&ouml;nnen sich <b>&uuml;berspezialisieren</b>. Der aufregende Erfolg von heute kann der Fehlschlag von morgen sein. Ein zu erfolgreiches Unternehmen wird gr&ouml;&szlig;tenteils selbstversorgerisch, anstatt von einem Netz von miteinander verbundenen &ouml;rtlichen Produzenten abzuh&auml;ngen; diese sterben dann ab, und mit ihnen das Potential f&uuml;r neue Arbeit. Das ist im Gro&szlig;en und Ganzen, was mit Detroit passiert ist: Es war eine Weile ein vielf&auml;ltiges Industriezentrum und brachte dabei die amerikanische Automobilindustrie hervor-- die dann, sobald sie sich selbst mit allem, was sie brauchte, versorgen konnte, die meisten ihrer Fabriken woanders hin verlegte; dabei lie&szlig; sie ihre Heimatstadt als etwas zur&uuml;ck, das mehr oder weniger wie die &Uuml;berreste einer Supernova aussah. 

<p><img src="illo/jacobmanch.jpg" align="left" alt="Stadt der Zukunft, 1830er Jahre" title="Stadt der Zukunft, 1830er Jahre" >

Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts gingen Beobachter davon aus, dass Manchester, das vollkommen von seinen gro&szlig;en, absto&szlig;enden Textilfabriken beherrscht wurde, die Stadt der Zukunft sein w&uuml;rde. Im Gegensatz dazu sah Birmingham chaotisch aus, mit keiner einzelnen Spezialit&auml;t, nur einem Haufen kleiner Hersteller, die alles von Kn&ouml;pfen &uuml;ber Glas und Gewehre bis zu billigen Metallspielzeugen herstellten. 

<p> In den 1960er Jahren waren nur noch zwei britische St&auml;dte wirtschaftlich stark: London und Birmingham. Manchesters Fabriken der Zukunft waren schnell veraltet, als der Rest der Welt lernte, wie man effizient Stoffe herstellt, und die Stadt hatte nichts, um sie zu ersetzen. Birmingham f&uuml;gte bis weit ins Hochtechnologiezeitalter immer wieder neue Arbeiten an (das D&uuml;sentriebwerk wurde teilweise dort entwickelt).<p>

<li> Sie k&ouml;nnen <b>Gr&ouml;&szlig;e verehren</b>. Gro&szlig;e Firmen ziehen von Natur aus Aufmerksamkeit und Kapital an; sie sehen immer wie ein sicherer Tipp aus. Aber neue Exportarbeiten-- und neue Arbeitspl&auml;tze-- werden f&uuml;r gew&ouml;hnlich von hungrigen jungen Firmen entwickelt. 

<p>Jacobs erz&auml;hlt, wie eine Stadt, die im Niedergang begriffen war, von einem Kapitalisten neu belebt wurde, der klug genug war, um das zu erkennen: Ralph Flanders, der zu dem Schluss kam, dass das Problem mit Boston war, dass es sein ganzes Kapital in unproduktive Wertpapiere, andere St&auml;dte, oder tote alte Unternehmen steckte. 1946 gr&uuml;ndete er eine Risikokapitalgesellschaft, die darauf spezialisiert war, neugegr&uuml;ndeten Firmen in Boston zu helfen (und zwar mit der damals noch unbekannten Vorgehensweise, die jungen Firmen zu finanzieren, aber nicht die Kontrolle &uuml;ber sie zu &uuml;bernehmen). Es ergab sich, dass einer seiner ersten Kredite an eine Firma ging, die von drei Harvard-Wissenschaftlern gegr&uuml;ndet worden war (Tracerlab, heute ECS Gauging), die nichts von den etablierten Bostoner und New Yorker Bankiers kriegen konnten. Es wurde ein gro&szlig;er Erfolg, und Flanders Firma, ARD, fing an, andere Hochtechnologiefirmen zu unterst&uuml;tzen (zum Beispiel DEC), womit sie half, einen Hochtechnologieboom in der Stadtregion von Boston zu schaffen. (ARD selbst trug zur Entwicklung der Risikokapitalbranche bei.)</ul>


<h2>Wie entwickelt man sich?</h2>

Die ultimative Frage unserer Zeit ist <i>wie man eine Wirtschaft entwickelt</i>. Der Wettkampf zwischen Kapitalismus, Faschismus und Kommunismus war eine Meinungsverschiedenheit zu diesem Thema; heute wird die Schlacht zwischen verschiedenen Formen des Kapitalismus ausgetragen. (Islamistischer Faschismus ist ein weiterer Eintrag im Wettbewerb-- die verzweifelte Zuflucht von V&ouml;lkern, die erlebt haben, wie bei ihnen fast alles andere ohne Erfolg versucht wurde.)

<p>Wenn Jacobs recht hat, dann machen das fast alle falsch, indem sie sich auf L&auml;nder anstatt auf St&auml;dte und auf l&auml;ndliche anstatt auf st&auml;dtische Gegenden konzentrieren, und indem sie Transaktionen des Niedergangs betreiben. 

<p>Gute Vors&auml;tze sind nicht genug. In den fr&uuml;hen 1960er Jahren entschieden die Rockefellers, mit dem &uuml;blichen Dogma im Kopf, nach dem Wohlstand auf Landwirtschaft beruht, in einer winzigen Stadt in der sehr l&auml;ndlichen Provinz Uttar in Indien eine Fabrik f&uuml;r Verh&uuml;tungsspiralen zu bauen. Dadurch w&uuml;rden nicht nur die Spiralen die Geburtenkontrolle voranbringen, sondern es w&uuml;rden auch Arbeitspl&auml;tze in den l&auml;ndlichen Gegenden entstehen, in denen sie gebraucht wurden. 

<p>Es war ein Fiasko. Es gab endlose kleinere Verz&ouml;gerungen, beim Warten auf Werkzeuge und Versorgungsmaterial, beim Warten auf Reparaturen, beim Warten darauf, dass schlecht gemachte Arbeiten in Ordnung gebracht wurden. Es war schwierig, sich an die &ouml;rtliche Stromversorgung anzuschlie&szlig;en; als das schlie&szlig;lich geschafft war, stellte sich heraus, dass sie nicht reichte. Es war schon fast ein Jahr vergangen, und die Fabrik war nicht arbeitsbereit; und es wurde klar, dass, wenn sie jemals mit der Arbeit anfangen w&uuml;rde, es praktisch unm&ouml;glich w&auml;re, sie im Gang zu halten. Die Manager gaben auf und verlegten das Projekt in die n&auml;chste gr&ouml;&szlig;ere Stadt, Kampur-- wo sie die Fabrik innerhalb von sechs Wochen fertiggebaut bekamen und in Betrieb nehmen konnten. 

<p>Als ob er beweisen wollte, dass andere Ideologien auch nicht mehr Ahnung von Entwicklung hatten, zerst&ouml;rte Mao China fast mit seinem Gro&szlig;en Sprung nach Vorne (1958), bei dem versucht wurde, die Gro&szlig;st&auml;dte zu umgehen und Fabriken &uuml;berall in den l&auml;ndlichen Gegenden Chinas zu verteilen; das Ergebnis waren Chaos und Hungersn&ouml;te. 

<p><b>Wie w&uuml;rde die Welt aussehen</b>, wenn die Menschen Jacobs Ideen akzeptieren w&uuml;rden?

<p>In wesentlichen Punkten w&uuml;rde sie so aussehen, wie sie es jetzt tut. Jacobs Punkt ist ja schlie&szlig;lich, dass Entwicklung aus Gro&szlig;st&auml;dten kommt, also ist jede echte wirtschaftliche Entwicklung, die wir sehen k&ouml;nnen-- zum Beispiel in Hongkong oder Seoul oder S&atilde;o Paulo-- sowieso schon "jacobeanisch". Die gute Nachricht ist, dass Stadtentwicklung ein nat&uuml;rlicher Vorgang ist, und oft liegt das Problem nicht darin, ihn in Gang zu kriegen, sondern darin, Dinge, die ihn behindern, zu entfernen.

<p>Auf viele Arten w&uuml;rden wir einfach weniger Zeit und Geld f&uuml;r Sachen verschwenden, die nicht funktionieren: <ul>

<li> St&auml;dte und L&auml;nder w&uuml;rden nicht versuchen, ausgelagerte Fabriken anzulocken (der Schwerpunkt der meisten gegenw&auml;rtigen internationalen Entwicklung). Im besten Fall w&uuml;rde das als ein Notbehelf angesehen werden, fast schon als reine Wohlt&auml;tigkeitsma&szlig;nahme. 
<li> Aus &auml;hnlichen Gr&uuml;nden w&uuml;rde man sich weniger M&uuml;he geben, Gro&szlig;unternehmen zu verw&ouml;hnen. Gro&szlig;unternehmen k&ouml;nnen sich selbst um ihre Angelegenheiten k&uuml;mmern; sie brauchen nicht verw&ouml;hnt zu werden. 
<li> L&auml;nder und St&auml;dte w&uuml;rden alarmiert und nicht zufrieden sein, wenn ihr Wohlstand auf Rohstoffausbeutung beruhen w&uuml;rde; es w&auml;re ihnen klar, dass das eine besonders verr&auml;terische Art von Gl&uuml;ck ist, da sie nicht nur vor&uuml;bergeht, sondern auch die Motivation f&uuml;r echte Entwicklung verringert, bis es zu sp&auml;t ist. 
<li> L&auml;nder und St&auml;dte w&uuml;rden keine Angst davor haben, dass es Rivalen gut geht, denn eine gr&ouml;&szlig;ere Wirtschaft ist f&uuml;r alle gut. Gro&szlig;st&auml;dte h&ouml;ren nicht auf, zu importieren, wenn sie Importe ersetzen; sie wechseln einfach zu neuen Importen. Eine jacobeanische Nation w&uuml;rde sich keine Sorgen &uuml;ber Konkurrenz im Ausland machen, sondern &uuml;ber die Innovation neuer Arten von Arbeit zu Hause. </ul>
Und was positive Schritte angeht<ul>

<li> Wenn eine Nation vorh&auml;tte, eine Region zu entwickeln, dann w&uuml;rde sie versuchen, eine importersetzende Gro&szlig;stadt zu schaffen. Eine jacobeanische Version der TVA h&auml;tte zum Beispiel versucht, aus Knoxville eine dynamische Gro&szlig;stadt zu machen. 
<li> St&auml;dte w&uuml;rden die Gr&uuml;ndung kleiner, vielf&auml;ltiger und innovativer Firmen ermutigen. Sie w&uuml;rden Entwicklungsh&uuml;rden (wie zum Beispiel Monopole, Rassen- oder Kastendiskriminierung, und gro&szlig;fl&auml;chig angelegte Bebauungspl&auml;ne) entfernen, und Risikokapitalanleger w&uuml;rden ums &Uuml;berleben k&auml;mpfende Neugr&uuml;ndungen finanzieren. (Jacobs sagt das nicht, aber ich denke, in den USA w&auml;re eine landesweite Gesundheitsvorsorge eine gro&szlig;e Hilfe; Mangel an betrieblicher Krankenversicherung h&auml;lt Arbeiter davon ab, f&uuml;r kleine Firmen zu arbeiten.) 

<li> Eine Stadt w&uuml;rde sich auf Zus&auml;tze zu ihrer bestehenden Technologie konzentrieren. Nicht vergessen: Tokio entwickelte zuerst Fahrradwerkst&auml;tten, nicht die Autoherstellung. Hochtechnologie ist zwar sexy, aber sie geh&ouml;rt nicht wirklich in eine Stadt, solange sie nicht jeden Teil davon selbst herstellen kann. 
<li> Der Traum vereinigter W&auml;hrungen w&uuml;rde aufgegeben werden, und zwar zugunsten kleinerer W&auml;hrungsgebiete, die St&auml;dten die richtigen R&uuml;ckmeldungen geben. Gro&szlig;st&auml;dte w&uuml;rden vielleicht auch vor&uuml;bergehende Z&ouml;lle erheben, um die &ouml;rtliche Produktion zu ermutigen. </ul>

Wir w&uuml;rden auch relevantere Daten erheben. Viele der Daten, die n&ouml;tig sind, um die Gesundheit einer Gro&szlig;stadt zu beurteilen, stehen nicht direkt zur Verf&uuml;gung. Wieviel Vielfalt gibt es dort? Wie viele Importe werden ersetzt? Wie weit reicht die Stadtregion? Sind die Fabriken einheimische Gr&uuml;ndungen oder Auslagerungen? Landesweite Daten bringen nicht viel, wenn es darum geht, diese Fragen zu beantworten-- zum Beispiel sind die Exporte einer Nation nicht einfach die Summe der Exporte ihrer St&auml;dte, da die Exporte der Gro&szlig;st&auml;dte <i>zueinander</i> genauso wichtig sind wie ihre Exporte ins Ausland. 


<h2>Zum Weiterlesen</h2>

Jacobs l&auml;sst sich nicht leicht zusammenfassen-- sie packt kein F&uuml;llmaterial in ihre B&uuml;cher, und ihre Ideen sind so unorthodox, dass manchmal ein ganzes Buch gebraucht wird, um jedes einzelne <i>aber</i> zu beantworten.

<p>Aber abgesehen davon ist es ganz einfach interessant, Zeit in ihrem Gehirn zu verbringen. Sie ist das Gegenteil der Art von moralisierender Science-Fiction, aus der viel zu viele politische und wirtschaftliche Texte bestehen: Sie ist voller Informationen und Anekdoten aus dem richtigen Leben, und sogar dann lesenswert, wenn sie sich ab und zu mit einer verr&uuml;ckten Lieblingsidee besch&auml;ftigt. Mit fast 90 schreibt sie immer noch; ihr neuestes Buch ist <i>Dark Age Ahead</i> (keine deutsche &Uuml;bersetzung), das sich n&auml;her mit Zeiten des Niedergangs besch&auml;ftigt, und mit der Frage, ob wir auf eine zusteuern k&ouml;nnten. (Anmerkung des &Uuml;bersetzers: Inzwischen ist Jane Jacobs im April 2006, kurze Zeit vor ihrem 90. Geburtstag, gestorben.)

<p>Ein guter Anschluss an ihren Einsatz f&uuml;r Vielfalt und auf Menschen konzentrierte Werte in der Gro&szlig;stadt ist das Buch <i>A Pattern Language</i> des Architekten Christopher Alexander, dass die Architektur zu einem gro&szlig;en Teil so zerst&ouml;rt und wiederaufbaut, wie Jacobs das mit der Makro&ouml;konomie macht. (Auf deutsch als <i>Eine Muster-Sprache</i> erschienen, allerdings anscheinend nur sehr teuer zu kaufen.)

<p>Oder man k&ouml;nnte einfach nur viel Sim City spielen-- die Entwickler des Spiels haben sowohl Jacobs als auch Alexander gelesen-- oder Civilisation, das von dem ultra-jacobeanischen Blickwinkel ausgeht, seine ganze Zivilisation <i>nur</i> mit St&auml;dten zu entwickeln. 

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Anon7 - 2021